USA coast to coast 2017: Und sonst noch?

Ich sitze gerade in einem Café und schreibe an meinem Blog, und dabei frieren mir fast die Hände ab. Draussen scheint die Sonne, und es ist angenehm warm. Hier drin, wie fast überall in den USA, ist es „dank“ der Klimaanlage a***kalt. Nicht 25°. Nicht 22°. Nicht 18°. Sondern a***kalt. Irgendwie fehlt hier oft ein gesundes Mittelmass, nicht nur bei der Temperatur.

Die Leute sind, wie von den USA gewohnt, sehr nett, aufgeschlossen, neugierig. Wir werden oft angesprochen. „Whe’re you from?“ ist eine Standardfrage. Die Antwort ruft meistens ein „Da war ich schon“ oder „Mein Grossvater ist von da“ oder „Da will ich unbedingt mal hin“ oder irgendwas in der Art hervor. Jeder will helfen, oder wenigstens etwas Small Talk betreiben und nett sein. Davon könnten wir uns ruhig etwas abschneiden.

Unterwegs (c) Karsten Seiferlin

Was auch auffällt: man lässt Abstand. Einen Tisch teilen: eher nicht. Sitzt an einem laaaangen Tisch mit beiderseits Bänken schon eine Person, so existiert dieser Tisch nicht für Amerikaner. Umgekehrt kann man sehr verstörte Blicke ernten, wenn man grüsst und/oder fragt, ob man sich dazu setzen darf. Im Extremfall bekommt man ein „Sure“ zur Antwort und kann dann zusehen, wie die angesprochene Person aufsteht und geht. Das „nicht teilen“ gilt auch für Gänge im Supermarkt. Man kann Leute dabei beobachten, wie sie in den gerade von mir „besetzten“ Gang einbiegen wollen, und dann zurücksetzen und den nächsten Gang ansteuern. Oder, wenn es gar nicht anders geht, schleicht jemand vorbei und sagt dabei devot „sorry“ oder “ ’scuse me“ (ohne den in der Schweiz beim Egsgüsé üblichen Unterton, der ausdrückt, „du bist mir im Weg, pass besser auch und verschwinde…“).

Autofahren ist grossartig. Alle sind mega-entspannt, freundlich, aufmerksam. Niemand hupt, niemand drängelt. Fährt man mal versehentlich falsch in eine Einbahnstrasse, bleiben alle brav stehen, bis man es gemerkt hat und wenden konnte. Parkplätze hat es wie Sand am mehr, und alle sind so breit und lang, dass man auch mit einem 25 Fuss langen und drei Meter breiten Wohnmobil keine Probleme hat. Spurwechsel von ganz links nach ganz rechts auf einem 4-spurigen Highway, mit Wohnmobil und nur mit Aussenspiegeln chauffierend: easy. Blinken, schauen, kurz warten, und die Lücke ist da. 4-way stops: die genialste Erfindung seit dem Kreisverkehr. Aber noch entspannter und sicherer. Jede Richtung hält an, und wer zuerst kam, fährt zuerst wieder los. Oder winkt jemand anderen vor. Wunderbar, das alles.

Lebensmittel sind ein Kapitel für sich. Exzellentes, geschmackvolles Fleisch, wenn unprozessiert, im Supermarkt. Aber auch viel „enthält 20% fremdes Eiweiss“, oder dieses Null-% Fett, kein Zucker, kein gar nichts Essbares drin Zeugs, bei dem man sich fragt, warum man es seinem Körper zuführen sollte. Also entweder Augen zu und durch (keine Option für mich) oder eifrig und gewissenhaft Zutatenliste studieren.

Die Portionen in den Restaurants reichen für zwei Leute und zwei Tage. Oft stehen Kalorienangaben auf der Karte. Für ein einzelnes Gericht sind 900 bis 1200 kcal „normal“ – auch für Take-way „Snacks“. Das Frühstück – egal, was man nimmt, hat wohl kaum unter 1500 kcal. Entsprechend viele sehr korpulente Leute sieht man auf den Strassen.

Zu allen möglichen Gerichten gibt es Bacon und Cream. Zu Bacon gönne ich jedem seine eigene Meinung (obwohl: zu Waffeln, Ahornsirup, Erdbeeren und Cream, siehe nächster Satz…), aber „Cream“ oder auch „Butter“ ist in aller Regel eben nicht Sahne/Rahm oder Butter. Sondern… tja das würde ich auch gern mal wissen. Aufgeschäumt mit Stickstoff, schneeweiss, aber bei Hitze schmelzend und verlaufend. Kommt besonders gut, wenn es ohne zu fragen handhoch auf was-auch-immer verteilt wurde. „Tossed with Cream“ steht dann manchmal auf der Karte, aber meist kommt es ungefragt einfach so. Irgendein Pflanzenfett, gehärtetes Öl, bleibt zu vermuten. Im Laden kann man auch „I can’t believe it’s not BUTTER“ kaufen. Butter in dicker 16 Punkt Schrift, das „I can’t believe it’s not“ bleibt für meine altersweitsichtigen Augen unlesbar – aber da ich dieses Zeug seit 20 Jahren kenne, bin ich vorgewarnt.


Essen in Restaurants bleibt gewöhnungsbedürftig. Der Teller ist gerade mal halb geleert, da kommt die Frage, ob man noch etwas möchte. Dessert zum Beispiel? Wie soll man das jetzt schon wissen? Und warum spricht mich jemand an, während ich den Mund voll habe und das Besteck in den Händen? Körpersprache lesen können wäre von Vorteil:

  • Gast hält Besteck in den Händen und beugt sich über den Teller = Gast ist glücklich und will nicht gestört werden.
  • Besteck liegt auf dem Tisch, Gast lehnt sich zurück, fragender, suchender Blick = Gast hätte gern Hilfe.
  • Besteck liegt in 5-Uhr Position auf dem Teller = Gast ist fertig (mit diesem Teller).

Wird die Frage nach „Something else“ leichtsinnig mit „No thanks“ beantwortet, knallt die Servicekraft die Rechnung auf den Tisch. Ich weiss, das ist hier Usus, damit niemand nach dem Essen noch 10 Sekunden warten muss, bevor man wegrennen kann, aber für einen Europäer fühlt sich das an wie ein Rauswurf. Ich weiss, nach einem geschätzten Dutzend USA Besuchen, das es nunmal so ist, und finde es immer noch, gelinde gesagt, ärgerlich.

(c) Ruth Ziethe

Beim Reisen durch’s Land kommt mitunter Entsetzen auf über den absolut desolaten Strassenzustand. 10 cm tiefe Pizza-grosse Löcher auf den Interstates, bei denen im Wohnmobil das Inventar durch die Schränke fliegt, sind ganz normal. Und werden weder durch Schilder angekündigt noch repariert. A pro pos Wartung und Reparatur:

Ähnliche Eindrücke:

  • Direkt neben verfallenen meist sehr einfachen Häusern stehen Trailer. Anstatt das Haus zu reparieren, lässt man es verfallen und zieht in ein dauerhaftes Provisorium.
  • Neben dem Haus stehen manchmal vier, fünf Generationen von Pick-Ups, davon nur der Neueste im Einsatz, die anderen in unterschiedlichen Stadien der Zersetzung. Entsorgung von alten Autos? Wozu? Die Natur erledigt das doch.
  • Massenhaft leer stehende Büro- und Geschäftshäuser an den Strassen, teilweise direkt daneben etwas ähnliches im Bau. Niemand scheint sich um den Erhalt und die Weiternutzung zu kümmern.
  • Müll wie zum Beispiel zerfetzte Reifen, jede Menge toter Tiere („Roadkill“), havarierte Autos stehen und liegen auf den Seitenstreifen der Highways. Einige Abschnitte werden von Freiwilligen sauber gehalten („Adopt a Highway“), wohl so geschätzt einmal pro Jahr. Wieso räumt da keiner auf?
  • Die Waschräume in den RV Camps: oft zum Gruseln. Millimeter dicker Grind auf den Oberflächen. Ausgerissene Schlösser und Scharniere. Blinde Spiegel. Zum Erbarmen. Und in Restaurants ist es manchmal auch nicht besser.

Irgendwie bekommt man den Eindruck, dass Sachwerte bin hinauf zum Haus nichts wert sind. Sie werden angeschafft, dann benutzt, aber nicht gepflegt, bis zum Verfall, und danach entsorgt/ersetzt.

Auch gewöhnungsbedürftig: Autos stehen mit laufendem Motor auf dem Supermarktparkplatz. Damit die Klimaanlage weiter laufen kann. Dass es vielleicht weniger warm wäre, wenn Motoren hin und wieder abgestellt würden, kommt einem allerdings angesichts der Weite des Landes wirklich nicht in den Sinn. Zumindest nicht im Westen. Oft sieht man gar kein zweites Auto irgendwo, bis zum Horizont. Man sieht auch keinen Nachbarn. Wen soll dann so ein kleines Motörchen schon stören? Nach ein paar Tagen gewöhnt man sich auch an diese riesige Trucks (Pick-Ups), und findet SUVs, die bei uns zuhause als gross gelten, plötzlich irgendwie niedlich. Alles ist relativ.

Unterwegs (c) Karsten Seiferlin

Unterwegs (c) Karsten Seiferlin
Unterwegs (c) Karsten Seiferlin
Unterwegs (c) Karsten Seiferlin

Kirchen gibt es an jeder Strassenecke. Mehr als Tankstellen. Die meisten sehen gleich aus (Backstein-Garage mit spitzem, weissem Holztürmchen), aber dafür heisst jede Kirche anders. Ich meine nicht den Eigennamen des Gebäudes, sondern den Namen der tragenden Organisation. Ein bisschen so wie Burger King, Wendy’s, McDonalds, KFC, Taco Bell und Subways. Franchise. Hat man einen gesehen, hat man alle gesehen.

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