USA-Reise im Wohnmobil: Er-FAHR-ungen

Vier Wochen waren wir mit dem Wohnmobil, oder RV für Recreation Vehicle, wie man in den USA sagt, unterwegs zwischen Pazifik und Atlantik, von Seattle, Washington bis Washington D.C. Über die Stationen der Reise habe ich in zahlreichen Blogposts (hier) berichtet. Hier geht es um Erfahrungen, Eindrücke und Tipps, die mit dem RV und dieser speziellen Form zu reisen zu tun haben.

Buchung

Wir haben ein RV des Anbieters Cruise America über Flamingo Reisen, verbändelt mit USA Reisen.de, gebucht. Interessanterweise sind die Preise dort etwas unter denen, die man bei Cruise America auf deren USA Website zahlen müsste. Die Buchungsbestätigung mit einer Rechnung kommen nach ein paar Tagen. Dann ist recht bald eine Anzahlung fällig (Prozentsatz hab ich vergessen, vielleicht 20%). Etwa 6 Wochen vor Abreise ist der volle Betrag fällig. Nachdem dieser überwiesen wurde, bekommt man ein kleines Paket per Post, mit Reiseunterlagen, einem USA Strassenatlas, den Buchungsbedingungen und vor Allem einem Voucher in einem Heftchen, das man mitnehmen und bei der Übernahme vorweisen muss. Der ganze Buchungsprozess sollte für jemanden, der schon mal einen Flug online gebucht hat, leicht zu erledigen sein. Beim Auswahlprozess lassen sich Preise für verschiedene Zeiträume, Mietstationen, RV Typen und Zusatzpaketen wie Inklusiv-Meilen anschauen, bevor man sich festlegt.

Den Flug haben wir ebenfalls online bei IcelandAir gebucht. Die Strecke von Zürich nach Seattle liegt fast auf einem Grosskreis (d.h. minimale Dauer, minimale Strecke). Die Zwischenlandung in Reykjavik liegt zeitlich auch näher an der Mitte als ein Stop-Over schon in Europa oder erst in den USA, und die Wahrscheinlichkeit, Gepäck bei der Zwischenlandung zu verlieren, ist auch kleiner als bei schlecht organisierten USA Hubs. Zu IcelandAir kann ich nur sagen, dass das Essen wirklich unterirdisch miserabel ist, unter aller Sau. Snacks gibt es keine, auf keinem der beiden Teilflüge. Also unbedingt mit Proviant eindecken und mitnehmen. Das Personal ist sich nicht immer über den Unterschied zwischen Vieh und zahlenden Gästen bewusst und – vorsichtig ausgedrückt – manchmal etwas barsch. Von der oft gelobten skadinavischen Freundlichkeit war gar nichts zu spüren – auf keinem der vier Teilflüge. IcelandAir versteigert im Vorfeld übrigens online die bessere Sitzplätze, zu teils abenteuerlichen Preisen. Das führt dann dazu, dass man, wenn man nicht mitbietet, garantiert da sitzt, wo niemand sitzen will. Immerhin ist IcelandAir bei USA Flügen sehr günstig.

Die Anreise und Übernahme

Wichtig: der Vermieter erwartet, dass man die erste Nacht nach der Einreise und dem Transatlantik-Flug im Hotel verbringt. D.h. Man sollte sich rechtzeitig um ein strategisch gut gelegenes Hotel für die erste Nacht kümmern. Zum Beispiel auf halbem Weg zwischen Airport und der Cruise America Niederlassung.

Die Übergabe erfolgt erst zum vereinbarten Zeitpunkt. Es macht meistens keinen Sinn, viel eher dort zu sein, da das eingeplante RV noch gar nicht bereit ist, und die nötigen Papiere auch nicht. Eine Stunde vor der Zeit schadet aber nicht, denn man kann die Wartezeit damit verbringen, die Einführungsvideos mit Bedienungshinweisen etc. anzuschauen. Das ist erstens praktisch und zweitens eh vorgeschrieben. Dann unterschreibt man diverse Papiere, nimmt eine Tüte mit Utensilien in Empfang: Eine Tagesration blaue Zauberflüssigkeit für die Toilette, eine Rolle Toilettenpapier, Streichhölzer für den Gasherd, der aber mit einem piezoeletrischen Funkengenrator ausgestattet ist, eine Bedienungsanleitung, Ersatzsicherungen, Taschenlampe… so Zeugs halt.

Das RV kommt „leer“, d.h. man kann entweder das Personal Pack und das Kitchen Pack mieten (recht teuer und Schrott) oder sich am ersten Tag in einer Mall eindecken. Wir verzichten auf das Personal Pack und kommen mit unseren kleinen Reiseschlafsäcken und Kissen, und kaufen ein Bettlaken im nächsten Safeway. Das Kitchen Kit mieten wir, obwohl Töpfe, Küchenutensilien, Teller, Tassen, Gläser und Besteck von billigster Machart sind. Weingläser, Korkenzieher fehlen ganz. Ausserdem mussten wir nachkaufen:

  • Schneidebrett
  • Weingläser
  • Korkenzieher
  • Kaffeefilter
  • Messbecher
  • Kaffeekanne (bei uns passte der Messbecher und hat damit beide Aufgaben übernehmen können)
  • Salz, Pfeffer, Essig, Öl etc.

Nach der Übernahme heisst es erst mal, sich einzurichten und dann eine Mall zu suchen, um Lebensmittel und die Utensilien von der Liste hier oben zu besorgen.

Und wo wir schon mal bei den Mietformalitäten sind, besprechen wir auch gleich die Abgabe. Der Tank muss soweit gefüllt werden wie bei der Übernahme (in unserem Fall halbvoll). Propan muss aufgefüllt sein, die Grau- und Schwarzwassertanks (s.u. zur Erklärung) müssen leer sein, der Deckel und der Schieber, die die Tanks nach unten/aussen verschliessen, müssen geöffnet sein. Innen sollte Staub gewischt und gefegt sein, und natürlich hinterlässt man auch Bad und Küche in einem Zustand, bei dem man sich nicht schämen muss. In der Mietstation werden noch ein paar Papiere ausgetauscht, es werden Tacho, Tankuhr und Gestank-Füllstand kontrolliert, und das war’s dann auch. Eine Kontrolle, ob und wie gut geputz war, fand nicht statt.


Aussen und Innen

Aussen

Gross. Sehr gross. 3 Meter breit, plus Spiegel, das ist ein guter Meter mehr als das SUV daheim in der Garage. 3 Meter hoch (Achtung bei Brücken, Bäumen, etc., und um Parkhäuser macht man natürlich einen grossen Bogen), 25 Fuss lang, das sind gut acht Meter. Die Bauart heisst auf Deutsch wohl „teilintegriert“, d.h. auf ein noch unmodifiziertes Chassis mit Truck-Führerhaus vorn wird ein Aufbau gesetzt, der nahtlos mit dem Führerhaus verbunden und innen durchgängig begehbar ist. Das ist mega-praktisch, da man jederzeit mal schnell von vorn zum Kühlschrank kann, oder Camera etc. von hinten nach vorn holen kann, etc. Cruise America bietet auch einen C19 an, das ist ein Pick-Up, auf den ein separater Aufsatz gepackt wird. Hier ist der Wohnbereich nur durch eine Tür im Heck begehbar – es gibt keine Verbindung zwischen „Auto“ und Wohnbereich. Ausserdem sind diese C19 Typen innen sehr klein, aber kaum billiger. Dafür lassen sie sich flotter und komfortabler fahren. Die C25 Typen haben eine Tür an der Beifahrerseite, mit einer separaten mit Fliegengitter gefüllten Innentür, damit man bei schönem Wetter die Tür offen halten kann, Viecher aber draussen bleiben. Auf der Beifahrerseite befindet sich auch Füllstützen für LPG (Liquid Propane Gas), das wir übrigens nur einmal am Ende der Reise auffüllen mussten. Weiter hinten gibt es ein grosses Staufach, dass von der Seite und vom Heck zugänglich ist, und neben dem Reserverad einen massiven Klapptisch enthält und Platz genug lässt für einen grossen Fahrradkoffer und das ausgepackte und hingelegte Rennrad. Es würde wohl auch zwei Fahrräder reinpassen, und/oder Koffer etc.. In diesem Staufach wird auch der Wasserschlauch transportiert, den man für dieses und jeses benötigt (s.u.).

Auf der Fahrerseite liegt der Ablauf der beiden Abwassertanks (Schwarzwasser für das ganz unappetitliche Abwasser, der Grauwassertank nimmt Wasser aus Küche, Dusche und Waschbecken auf), der mit einem Schieber verschlossen und einem zusätzlichen Deckel geschützt ist. Ein ca. 5 Meter langer flexibler und 10 cm dicker Schlauch wird während der Fahrt hinter einer Klappe in einem langen Rohr unter dem RV transportiert, und passt anstatt des Deckels auf den Stutzen des Abwasser-Auslasses. In Augenhöhe oberhalb des Abwasserstutzens findet man den Anschluss für Frischwasser. Weiter vorn ist hinter einer Klappe das Stromkabel versteckt. Dort in der Nähe liegt auch der Tankstutzen für Sprit (dazu später mehr). Noch weiter vorn ist im unteren Teil hinter einer Klappe ein Generator versteckt, der sich bei Bedarf auch noch aus dem Benzintank bedient und 110 V erzeugen kann. Der Betrieb ist nur im Notfall zu empfehlen, und wir sind ganz ohne ausgekommen.

Innen

Vorn hat es für Fahrer und Beifahrer je einen Sitz, mit seitlicher Armlehne, die auf den unendlich langen Etappen sehr gelegen kommt. Zwischen den beiden Sitzen ist der Durchgang in den Wohnraum, und vorn eine ausladende Mittelkonsole mit etlichen Staufächern für Trinkflaschen, Handy und Ladegerät, mobile Hotspot, Ladekabeln, Cameras etc. pp.

Dahinter folgt auf der rechten Seite ein Sitzplatz und danach die Tür, links sind zwei sich gegenüber stehende Sitzbänke, auf die (eng) je zwei Personen passen. Dazwischen ist zweckmässigerweise ein recht grosser Tisch montiert. Man kann bei Bedarf den Tisch absenken und die Polster der Bänke so umlagern, dass sich ein sehr enges Bett für zwei oder ein schön breites Bett für eine Person bauen liesse.

Dahinter schliesst sich ein sehr grosser Kühlschrank und darüber ein beachtlich grosses Gefrierfach an. Der Kühlschrank fasst locker zwei Gallonen Wasser und Organensaft in der untersten Etage, und in den drei Etagen darüber ist mehr Platz als zuhause. Die Kühlleistung ist beachtlich: nicht selten waren Joghurt und Salsa gefroren, obwohl es draussen über 30° hatte.

Noch eisiger geht’s im Gefriefach zu, das etliche grosse Packungen Eiscreme, mehrere eingefrorene Reste vom Abend vorher sowie durchaus beachtliche Fleischvorräte fasst, und diese auch in kurzer Zeit einfriert.

Gegenüber und im Anschluss an die Tür folgt die Küche, mit Mikrowelle (die Geräusch-bezüglich ein Dauerärgernis darstellt), Gasherd mit zwei, in älteren Modellen auch drei Flammen, einem Edelstahl-Spülbecken mit Wasserhahn am Schlauch zum Absprühen von Gemüse, sowie Schränken oben und unten – ausreichend Platz für Geschirr, Töpfe, Gewürze, Essig, Öl, Kaffee etc. Weitere Schränke befinden sich über der Sitzgruppe. Hier kann man zum Beispiel Getränke, Snacks, Konserven, Pasta etc. unterbringen. Steckdosen hat es auf beiden Seiten reichlich. Es gibt sogar insgesamt 6 festverbaute USB-Buchsen, die sogar dann funktionieren, wenn man nicht am Stromnetz hängt.

Hinter dem Kühlschrank folgt der Kleiderschrank, der im unteren Teil drei Schubfächer hat. Daran schliesst sich ein Waschbecken mit Unterschrank, Spiegelschrank etc. an, zum Rasieren, Zähne putzen etc. Der Abschluss wird fahrerseitig vom „Bad“ gebildet: ein normal dimensioniertes Porzellan-WC und eine zwar enge aber ausreichende Dusche. Hier hat es, wie an mehreren anderen Stellen auch, ein Dachfenster, das sich aufstellen lässt und mit Fliegengitter gegen Viechzeugs versehen ist.

Auf der rechten Seite, also neben dem Bad, bietet das Heck ein ca. 1.50 breites Doppelbett, das bei uns aber nur als Ablage für Reisetaschen etc. zum Einsatz kommt.

Geschlafen wird im Alkofen, also über dem Fahrerhaus. Der Aufstieg gelingt leicht über die Sitzbank, und ein stabiler Griff am Einstieg sorgt für sicheren Halt. Im Alkofen gib es auf beiden Seiten schmale Fenster, die sich jeweils aufschieben lassen, und im Dach eine der vielen klappbaren Dachluken. Wenn man das Schlafgemach erreicht hat, kann man – wenn man möchte – zum Rest des Raumes hin einen Vorhang an einer Dachschiene ziehen und für Privatsphäre sorgen.

Ein zweigeteilter schwerer und blickdichter Vorhang ist tagsüber hinter den beiden Sitzen zusammengerollt und kann abends im Führerhaus entlang der Seitenscheiben bis jeweils zur Mitte der Windschutzscheibe gezogen und dort mit Velcro fixiert werden – so kann auch von dort niemand in den Wohnbereich schauen. Ein weiterer Vorhang trennt bei Bedarf den hinteren Teil mit Bett, Nasszelle und Waschbecken von der „Küche“ ab.

Alles ist dabei recht luftig, grosszügig und gross. Und schlecht verarbeitet. Sehr schlecht. In Europa würde man so etwas wohl kaum akzeptieren. Schlampig bis miserabel zusammen geschossen wirken die Möbel. Und klappern und zirpen und zwitschern und quitschen während der Fahrt wie eine Vogliere mit einem grossen Schwarm Nymphensittichen, ein paar Nebelkrähen und Gänsen. Dazu kommt das Klopfen und Scheppern des Drehrings (aus Draht mit kleinen Rädchen) und des Drehtellers in der Mikrowelle.


Das Teil beim Fahren

Zur Geräuschkulisse bitte nochmal den letzten Abschnitt lesen. Dazu kommt der immerhin 375 PS starke Achtzylinder, der quasi auf Kniehöhe zwischen Fahrer und Beifahrer sitzt und sehr lautstark Benzin von hinten nach vorn und in die Einspritzdüsen pumpt. Geschätze vier bis fünf der acht Zylinder machen wohl nichts anderes, denn der gebotene Vortrieb kann sicher leicht von den restlichen drei bis vier Zylindern erzeugt werden. Dazu kommt eine gemütliche aber immerhin berechenbare Vierstufen-Automatik, deren Overdrive sich sperren lässt, indem man mittels Lenksäulenhebel in einen „Haul“-Modus schaltet, bei dem die Gänge ordentlich ausgedreht werden und durch frühzeitiges Zurückschalten ordentlich Motorbremse erzeugt wird.

Die Lenkung irritiert nicht mit zu viel Gefühl von Strasse und Rädern und Achsen, und bleibt unverbindlich-weichgespült. Das führt dazu, dass man eigentlich nie einen „sauberen Strich“ ziehen kann, sondern ständig, geradeaus wie in Kurven, nach dem trial-and-error Prinzip korrigiert. Nun ja. Heizung, Klima, Scheibenwischer und Licht funkionieren aber tadellos, und nach kurzer Zeit ist man mit dem Teil eigentlich ganz gut unterwegs und kommt auch nach langen Strecken einigermassen entspannt ans Ziel.

Sofern die Strassen nicht zu eng werden, natürlich. Beinahe alle Strassen und auch die Parktplätze in den Malls sind locker breit genug für so grosse Kisten. Was in Europa und gerade bei uns in der Schweiz einfach extrem unpraktisch bis ganz und gar unmöglich wäre, fällt in den USA eigentlich (fast) nie als Problem auf: drei Meter Fahrzeugbreite sind schmal genug, um auf (fast) allen Strassen reichlich Luft auf beiden Seiten zu haben. Problematischer ist da schon die Federung, d.h. eigentlich der Strassenzustand. Was wir zwischen Seattle und Washington D.C. unter die Räder bekommen haben, wäre hier wegen massiver Baufälligkeit entweder ganz gesperrt oder extremst eingebremst befahrbar. Dort stehen nicht mal Warnhinweise. Wir reden hier über Interstates und andere grosse Highways, nicht über Nebenstrecken, übrigens. Ich hatte ja hier schon beschrieben, wie wenig Wartung, Instandhaltung und Respekt vor Sachwerten man beobachten kann oder muss. Und da machen die Strassen eben leider keine Ausnahme. Zusammen mit der Mikrowelle und der Vogliere im Heck bekommt man schon mal das Gefühl, das JETZT aber wirklich alles auseinanderfällt. Tut es natürlich nicht. Erstaunlicherweise ist in den ganzen vier Wochen nichts zu Bruch gegangen, kein Weinglas, nicht der Mikrowellen-Teller, gar nichts.

Zusammengefasst kann man sagen, das verwöhnte Europäer sich beim Fahren in First- oder gar Old-World-Problems hineinsteigern können, aber eigentlich alles ganz und gar funktioniell und ausreichend ist, und man in vier Wochen weder Materialschäden noch körperliche oder psychische Schäden erleiden musste (naja, ausser der „Vogliere“ vielleicht).

Übernachten: die tägliche Routine

Bevor man überhaupt ans Übernachten denken kann, muss man einen Platz finden, an dem man seine „Zelte“ aufschlagen will. RV campgrounds gibt es an jeder Ecke, aber es ist ratsam, sich in der Hochsaison und bei den üblichen Hotspots rechtzeitig umzuhören. Praktisch alle RV campgrounds sind per Internet buchbar, und es gibt mehrere Apps, die RV camps auf einer zoombaren Karte anzeigen, und dann jeweils Kosten, Ausstattung, Buchungs-Website und Rezensionen anzeigen. Wir haben vor Allem im Westen, insbesondere rund um die Canyons, einen oder zwei Tage im Voraus im Internet reserviert und bezahlt. Die Standards sind auf den RV campgrounds recht unterschiedlich, aber meistens gibt es zentrale Duschen und Toiletten, Waschmaschinen, und mehr (selten) oder weniger (in der Regel) funktionierendes WIFI (dazu später mehr). Nicht alle Plätze bieten einen sogenannten Full Hookup. Damit sind Anschlüsse für Frischwasser, Strom, Abwasser, und manchmal Kabel-TV gemeint. Auf die letzteren beiden kann man sehr gut verzichten, insbesondere, wenn man nur eine Nacht bleibt, denn der Abwassertank fast locker eine Tagesration, und Campgrounds ohne Abwasser am Stellplatz haben irgendwo eine Dumping Station, an der man morgens vor der Abreise den Tank leeren kann. Zu einem Stellplatz gehört auch eigentlich immer eine Picknick-Garnitur aus zwei Sitzbänken und einen Tisch, die fest miteinander verbunden sind. Es gibt sogenannte Pull-Through Stellplätze, bei denen man vorwärts rein und vorwärts auch wieder heraus fahren kann. Bei den anderen muss man halt bei der Abreise ein paar Meter rückwärts fahren. Der Preisunterschied rechtfertigt selten diesen Komfort, und die Pull-through sind meist eher ausgebucht.

Üblicherweise wird man angehalten, am Eingang anzuhalten und sich zu registrieren und zu bezahlen, falls man das nicht schon online erledigt hat. Dann bekommt man einen Platzplan in die Hand gedrückt, auf der die Zufahrt zum angewiesenen Stellplatz eingezeichnet ist. Man könnte sich ja sonst verfahren oder zumindest ungeschickt gegen die vorgeschrieben Fahrrichtung fahren und dann bei der Einfahrt auf den zugewiesenen Stellplatz an einer allzuengen Spitzkehre scheitern, die man nicht hätte, käme man „von hinten“. Einmal angekommen, werden die Stromleitung und die Frischwasserleitung angeschlossen, und, sofern vorhanden, der Abwasserschlauch mit spitzen Fingern und geschlossener Nase zwischen Stutzen und dem dafür vorgesehenen Loch verlegt. Die jeweiligen Anschlüsse sind so geschickt am Stellplatz positioniert, dass man leicht alle Kabel und Schläuche verlegen kann.

Danach wird der Vorhang vor der Windschutzscheibe installiert, und alle Gadgets zum Laden angeschlossen. Handy, Camera-Akkus, iPad, jeweils mal zwei… Dann das angeblich exisiterende WLAN austesten, mails kontrollieren, Fotos in die Cloud hochladen, um sie vor Verlust zu sichern. Und jetzt, endlich, gibt es auch ein Glas Wein oder Bier.

Danach kochen, essen, der gemütliche Teil des Tages hat begonnen.

Meistens sind wir nicht sehr „alt“ geworden, da man tagsüber viel erlebt hat und am nächsten Tag wieder früh aufstehen will (meistens zwischen 7 und 8 spätestens).


Der nächste Morgen beginnt mit dem Frühstück: Wasser aufsetzen, Kaffeepulver in den Filter, Speck anbraten, Eier braten, Bagel mit Salsa, Kochschinken und Monterey Jack oder besser noch der Variante mit Jalapeño-Stückchen belegen und in der Mikrowelle erhitzen, bis der Käse fliesst (alles ist besser mit geschmolzenem Käse, weiss doch jeder). Dazu Orangensaft. Den Tag beim Frühstück planen (wo sind wir am nächsten Abend, wie weit bzw. wie lange müssen wir fahren, was schauen wir unterwegs an, müssen wir einkaufen und wenn, was…).

Dann duschen, Zähne putzen, Trinkflaschen auffüllen, geladene Gadets in Reichweite ablegen, Vorhang einrollen, am Full Hookup jetzt Abwasser durch Öffnen des Schiebers dumpen, Abwasserschlauch mit Frischwasser ausspülen, den Frischwassertank auffüllen, damit man unterwegs hat, dann Schläuche und Kabel einrollen, und dann heisst’s „hit the road, Jack“.

Nach drei Tagen geht diese Prozedur in Fleisch und Blut über. Das könnte man ewig machen und nicht leid werden.

Zwei mal haben wir auch ganz auf ein RV Camp verzichtet. Dank Frischwasser- und Abwassertank, reichlich 12 V Kapazität aus einer Zusatzbatterie, der Gewissheit, einen Generator nutzen zu können, falls notwendig, kommt man gut für eine gewisse Zeit ohne die Infrastruktur eines RV Campgrounds aus.

Vorteile (und Nachteile)

Ich fange mal mit den Nachteilen an:

(…)

OK, neuer Versuch:

  • Man muss selbst aussuchen, was man essen möchte. Das dann auch noch selbst einkaufen. Und selbst zubereiten. Und danach Geschirr abwaschen. Ohweiohwei!
  • Soweit ich weiss, gibt es keine Convertible RVs. Also nix mit Dach aufmachen und die warme/heisse Luft um die Nase spüren.
  • Sehr enge Strassen sind eher mühsam zu befahren.
  • Man kann nicht ganz so leicht spontan mal anhalten, um ein Foto zu machen. Das Teil ist einfach lang und breit und braucht eine Haltebucht oder so.

OK, jetzt zu den Vorteilen:

  • Man darf selbst aussuchen, was man essen möchte. Das dann auch noch selbst einkaufen. Und selbst zubereiten. Keine überzogenen Preise.
  • Keine Aversion gegen zu einseitige Menus.
  • Keine Unsicherheit, wie gross, wie frisch, wie gesund und wann das Essen auf den Tisch kommt.
  • Keine Diskussionen über Tax and Tip
  • Man darf solange sitzen bleiben, wie man möchte. Auch, wenn man keinen Kaffee bestellt. Wer die Anspielung nicht versteht, möge hier weiter lesen.
  • Man darf morgens wie abends ungeduscht, verschwitzt und im Schlüpfer (neudeutsch Slip) am Tisch sitzen.
  • Man muss sich an keine festen Essenszeiten halten.
  • Egal, wie aufregend und verrückt und vielleicht stressig ein Tag auch war: Motor abstellen, Schläuche und Kabel anschliessen, und man ist zuhause. Zuhause. Geborgenheit. Alles hat seinen Platz. Nichts wurde im Hotel von der Nacht davor vergessen. Keine bösen Überraschungen mit schmutzigen lauten oder sonstwie enttäuschenden Zimmern. Koffer müssen weder gepackt noch ausgepackt noch hin- und her gewuchtet werden. Das „Zimmer“ stinkt nicht nach komischem Teppichreiniger, sondern im allerschlimmsten Fall nach Schlüpfer. Dieser Aspekt des „zuhause seins“ ist nicht zu unterschätzen. Reisen ist mega aufregend. Man erlebt sehr viel, kommt rum, trifft Leute, sieht Neues. Wunderbar. Aber abends ist man einfach nur „satt“ und erschöpft und möchte einfach nur den Tag sacken lassen. Und das geht im RV — und im Hotel wohl eher nicht.

Die Sache mit dem Internet

Muss man wirklich im Urlaub immer erreichbar sein? Früher ging es doch auch ohne Handy, ohne Facebook, ohne den ganzen Mist. Andererseits:

  • RV Campgrounds suchen und reservieren
  • Google Maps als Navi einsetzen
  • Einen Freund, mit dem wir verabredet waren, mit dem iOS Friend Finder lokaliseren
  • WhatsApp!
  • Bloggen
  • Fotos in die iCloud schieben und sich so die Mitnahme eines Notebooks und/oder einer externen Festplatte zur Datensicherung sparen (und der damit verbundenen Kosten)
  • Die Familie, die sich zur Sonnenfinsternis treffen wollte, aber aus unterschiedlichen Richtungen anreiste, informieren und so koordinieren, dass alle am selben Ort landen
  • Wettervorhersage, vor Allem vor der Sonnenfinsternis
  • Preise für Parks ermitteln
  • Arbeitsplatzsuche, Bewerbungen schreiben, auf relevante Mails reagieren!

Das heisst, wir haben für uns entschieden, ja, wir brauchen Internet. Vielleicht nicht rund um die Uhr, aber ein paar mal am Tag. Anstatt sich individuell mit teuren Datenpaketen auszustatten, oder jeder für sich eine Prepaid-Karte eines US Anbieters zu besorgen und die SIM zu tauschen (und nicht erreichbar für potentielle künftige Arbeitgeber zu sein!), haben wir im Vorfeld der Reise einen mobilen Hotspot von Huawei gekauft und diesen mit einer AT&T Daten-Prepaid SIM ausgestattet. AT&T hat sich im Nordwesten nicht als die beste Option erwiesen, dank grosser Netzabdeckungslücken, aber davon abgesehen war das eine grossartige Idee. Der Hotspot kreiert ein RV eigenes WLAN, mit dem sich alle Gadgets verbinden können, und routet die Daten ins bzw. aus dem AT&T Netz. Funktioniert ganz grossartig. Aber Achtung: die Fotos sollte man auf keinen Fall auf diesem Weg in die Cloud schieben, sonst zahlt man im Halbstundentakt 100 MByte-Pakete nach. Am besten tagsüber das iPad einfach ausschalten und nur in einem WLAN – z.B. Am RV Campground oder im Restaurant – Fotos hochladen.

Die Reiseroute

18363.8 Meilen bei RV-Übernahme, 23750.2 Meilen bei Abgabe. Macht 8668.6 km in zeitgemässen Einheiten. Wie die Karte unten zeigt, haben wir die USA nicht nur West-Ost durchquert, sondern zu einem grossen Teil auch Nord-Süd. Auf der Route lagen:

  • Seattle
  • Columbia River
  • Spokane, Palouse, Colfax
  • Snake River, Lewiston
  • Baker City
  • Unity (OR)
  • Boise
  • Twin Falls
  • Bruneau, Craters of the Moon
  • Wells
  • Great Salt Plains
  • Delta
  • Panguitch, Bryce Canyon
  • Kanab
  • Grand Canyon North Rim
  • Marble Canyon
  • Page, Lake Powell, Antelope Canyon
  • Flagstaff, Winslow, Holbrook
  • Many Farms, Mexican Water
  • Cortez
  • Mexican Hat, Monument Valley
  • Shiprock, Farmington
  • Santa Fe
  • Armarillo
  • Oklahoma City
  • Little Rock
  • Memphis
  • Huntsville
  • Chattanooga
  • Blue Ridge Mountains, Knoxville, Roanoke
  • Manassas, Bull-Run National Park
  • Washington D.C.

Kosten

Eine Warnung vorweg: alle Kosten und Preise im Folgenden sind geschätzt, aus unseren Erfahrungen und Erinnerungen, und nicht etwa aus Rechnungen, Quittungen etc. sauber recherchiert. Das heisst, die Kosten können locker 25% zu hoch oder niedrig geschätzt sein.

Miete und Fees

Die RV Miete richtet sich ein bisschen nach der Zeit und dem Übernahmeort. In unserem Fall war wegen der Sonnenfinsternis alles im Nordwesten deutlich teurer als im Rest der USA. In Portland hätten wir für die 4 Wochen 5000€ gezahlt. In Seattle waren es 4000€. Weit weg von der Totalitätszone (und wohl auch zu anderen nicht speziellen Zeiten) kommt man mit 3000€ hin. Dazu kommt eine One-Way Gebühr von 500$, und die Miete für das Kitchen Kit (ca. 80$).

RV Campgrounds

Die Campgrounds kosten je nach Lage, Saison und Ausstattung zwischen 20$ und 50$ pro Nacht und RV – und alle Insassen, manchmal ist auch ein weiteres Fahrzeug und ein kleines Zelt am Stellplatz inclusive.

Ausstattung

Nicht zu vergessen sind die Kosten für die Erstaustattung, sofern man nicht mietet oder gar mitbringt. Also für Gläser, Kaffeefilter, Gewürze, Essig, Öl, Putz-und Waschmittel etc.

Essen und Trinken

Je nach Qualitätsbewusstsein und je nachdem, wie häufig man sich selbst verpflegt bzw. auswärts isst. Jedenfalls nicht exzessiv teuer. Essen und Trinken muss man ja eh. Wenn man selten ausgeht, kann man etwas sparen.

Sprit

Ja. Viel. Ich schätze, wir haben spätestens jeden zweiten Tag für 100$ getankt. Eine Gallone kostet etwa 2.50$ D.h. wir hätten jeden Tag etwa 40 Gallonen oder 150 Liter jeden zweiten Tag. Also geschätzte 2250 Liter auf 8800 km. Das entspräche einem Verbrauch von gut 25 l/100 km. Kommt hin.

Sonst noch

Essen gehen. Mitbringsel. Kosten für Internet. Eintritte (es empfiehlt sich, einen Pass für die Nationalparks zu kaufen oder sich vorher zu informieren, ob und wieviel Eintritt man bei der geplanten Reise sparen kann. Am besten gleich beim ersten Nationalpark anfragen und ggf. zuschlagen.).

Was man spart

Es fallen keine Kosten für ein Mietauto an, und auch keine Kosten für Hotels. Und man spart vermutlich bei Essen und Trinken. Ob die Gesamtkosten mit RV, Campgrounds, dem epochalen Spritverbrauch etc. unter oder über denen mit einem gemieteten PKW und Hotels, Restaurants jeden Tag muss sich jeder selbst ausrechnen. Wir würden aber die RV Version jederzeit ganz deutlich vorziehen.


Alle Fotos © Karsten Seiferlin. Don’t steel any photos — ask me for permission.

3 Antworten auf „USA-Reise im Wohnmobil: Er-FAHR-ungen“

  1. Sehr schön. Dieser Erlebnisbericht dient gut dazu, meine Erwartungen hinsichtlich eines RV Urlaubs fein abzustimmen. Ich hatte zum Beispiel unterschätzt wie oft man dann doch in RV Campgrounds geht, anstatt mal eben so „irgendwo in der Wildnis“ anzuhalten und dort zu übernachten.
    Der „Zu Hause“ Fakt ist aber ein interessantes Argument das ich vorher auch nicht so richtig beachtet habe.
    Merci!

    1. Merci für’s Kompliment. Man muss natürlich nicht mehrheitlich auf Campgrounds gehen. Eine Nacht, vielleicht auch zwei, wild campen sind überhaupt kein Problem. Widersinnigerweise braucht man genau dann die Campground-Infrastruktur häufiger, wenn man kein Hook-Up hat. Der Frischwassertank ist irgendwann leer, Grauwasser und Schwarzwasser voll. Gadgets laden geht auch über die USB Anschlüsse, die in neueren RVs vorhanden sind. Aber der Kühlschrank und der Gefrierschrank zehren ohne Stromanschluss am LPG Tank. Auf Campgrounds hat es nicht nur Frischwasseranschluss, sondern auch Duschen, Toiletten etc., die bei Benutzung den eigenen Schwarzwassertank entlasten – obwohl man ja jederzeit dumpen könnte.

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