Fujifilm X-Half (Halbformatkamera?!)


TL;DR

Der Text stellt die Fujifilm X-Half vor – eine digitale Halbformat-Kamera mit 1-Zoll-Sensor , der hochkant verbaut ist. Sie zielt auf eine analoge Foto-Ästhetik ab, inklusive besonderer Bedienkonzepte wie Filmtransporthebel, vertikale Displays und einem strengen „Filmmodus“. Geeignet für alle, die Spass am Experimentieren, Diptychs und vertikalen Bildformaten haben, weniger für klassische Blitz- oder Sucher-Fans.

  • Der 1-Zoll-Sensor ist hochkant eingebaut, wodurch standardmässig vertikale Fotos entstehen; das Hauptdisplay ist ebenfalls vertikal ausgerichtet.
  • Es gibt keinen elektronischen Sucher (EVF); stattdessen zwei rückseitige Displays: eines für den Bildausschnitt, ein schmales Touch-Display für Filmsimulationen und Menü-Navigation.
  • Der Hot Shoe hat keine elektronischen Kontakte, externe Blitzgeräte funktionieren nicht; eine helle LED dient nur zur Nah-Aufhellung und ersetzt die Blitz-Ästhetik nicht.
  • Festes 28 mm (KB-Äquivalent) Objektiv mit maximaler Blende f/2.8; die Blende wird über einen mechanischen Ring eingestellt.
  • Ein Filmtransporthebel ermöglicht Diptychs: zuerst rechtes, dann linkes Teilbild; die Reihenfolge kann in der Software umgestellt werden.
  • Der „Filmmodus“ sperrt Vorschau, Wiedergabe und Filmsimulationen; Bilder werden erst nach Übertragung in die X-Half-App „entwickelt“ und sichtbar
  • (alternativ: Speicherkarte extern auslesen, was die Idee unterläuft).
  • Gehäuse wirkt wertig trotz Kunststoff; erhältlich in Silber , Schwarz und sehr dunklem Anthrazit.
  • Der Marktpreis ist von rund 900 Franken (Einführung) auf etwa 350–390 Franken für gebrauchte Geräte gefallen; als Spass- und Lernkamera empfehlenswert, trotz begrenzter Bildqualität.


Kamerarückblick: Fujifilm X-Half

Wer mich kennt, weiss, dass ich ein Fujifilm Fan bin. Hier soll es gehen um die Fujifilm X-Half. Komischer Name, aber es macht Sinn, wie wir sehen werden. Fujifilm macht bei der X-Half wieder mal alles anders, aber dazu kommen wir später auch noch. Half bezieht sich auf Halbformat und Halbformat bezieht sich auf Vollformat. Das ist ein Trend, den es früher schon mal gab und der jetzt wieder aufgenommen wurde durch zum Beispiel Yashica und die Pentax 17, eine Analogkamera, die eben auch das Halbformat nutzt.

Das vielleicht populärste und qualitativ beste Beispiel in der Vergangenheit, also in der Zeit, als es noch gar keine Digitalkameras gab, war die Olympus Pen F, die es in verschiedenen Variationen gab. Die Wechselobjektive der Olympus Pen F sind wirklich toll in der Qualität und lassen sich mit einem passenden Adapter ohne Probleme an spiegellosen modernen Kameras benutzen. Ich hatte selber einige, sind nicht ganz billig, auch im gebrauchten Markt natürlich gebraucht, neu gibt es die nicht mehr. Wirklich schöne Linsen, kompakt, optisch einwandfrei, Olympus-mässig toll. Aber das lenkt ab vom Thema. Wir sind ja bei der Fujifilm X-Half. Das ist keine Analogkamera, sondern eine Digitalkamera. Die nutzt einen sogenannten 1-Zoll-Sensor. 1 Zoll – da kann kann man viele Worte drüber verschwenden. Der Sensor ist sicher nicht 1 Zoll gross, sondern viel kleiner. Er heisst einfach so, das hat sich eingebürgert. Ein 1-Zoll-Sensor ist zum Beispiel auch in der Sony RX100 verbaut, in verschiedenen Variationen, und die Bildqualität der Sony RX100 ist wirklich über jeden Zweifel erhaben. Wirklich super.


Bei der Fujifilm X-Half ist der Sensor allerdings hochkant verbaut. Das heisst also: Die schmale Seite ist unten und oben, die lange Seite ist links und rechts, und damit bekommen wir eigentlich immer Hochkant-Bilder. Das kommt natürlich der Gen Z und den Millennials entgegen. Das ist eine Ästhetik, die ich selber jahrelang verflucht hab, aber an die ich mich langsam gewöhne. TikTok-Ästhetik. Bilder und Videos sind hochkant. Menschen sind hochkant, Fotos und Videos sind heute menschenzentriert. Es macht also Sinn, hochkant Fotos aufzunehmen. Das Hauptdisplay an der Fujifilm X-Half ist ebenfalls hochkant, logisch. Man nimmt ja hochkant Fotos aufund möchte die formatfüllend auf dem Display sehen. Das braucht einige Gewöhnung. Ich hab das bei mir gemerkt: Ich hab ein Motiv gesehen, irgendwo da draussen, und dachte, das muss ich hochkant aufnehmen. Kommt nicht oft vor, kommt aber vor. Also hab ich die Kamera um 90 Grad gedreht. Eine Kamera um 90 Grad zu drehen, die nativ hochkant aufnimmt, ist nicht besonders schlau. Ich hab es aber gemacht. Das heisst also: Man muss wirklich umdenken, man muss sich dran gewöhnen. Hochkant-Motive nimmt man direkt mit normal gehaltener Kamera auf, was auch immer normal heisst.

Die Fujifilm X-Half hat zwar ein hochkant angeordnetes Display, aber kein EVF, also keinen elektronischen Sucher. Es gibt ein Glas, durch das man durchschauen kann, aber dieses Glas ist passiv und – in Anführungszeichen – dumm. Ohne LEDs, ohne sonstige Anzeigen. Es gibt ein zweites, schlankes Display auf der Rückseite, neben dem Hochkant-Display des eigentlichen Ausschnitts. Das sieht aus wie das Fenster, das man früher in Analogkameras hatte. Durch dieses Fenster konnte man die Filmkapsel sehen, um zu schauen, welchen Film man gerade eingelegt hatte. Schwarz-weiss, Farbe, lichtempfindlich, nicht so empfindlich, was auch immer. Und auch hier bei Fujifilm dient es dazu, die Filmsimulation anzuzeigen, und weil es ein Touchdisplay ist, kann ich hoch und runter swipen und eine andere Filmsimulation aktivieren. Eine zweite Funktion nimmt dieses kleine Hochkant Display ein: die Steuerung des Menüs. Dazu kommen wir vielleicht noch.

Der Body der X-Half ist angeblich aus Kunststoff, fühlt sich aber gut an, fühlt sich nicht nach Kunststoff an, fühlt sich nicht billig an, fühlt sich wertig an, sieht auch richtig gut aus. Es gibt ihn in Silber, in Schwarz und in Anthrazit – oder Coal, oder wie auch immer man das nennen will. Sehr dunkel, aber eben gerade nicht schwarz.

Der Hot Shoe ist eigentlich, ehrlich gesagt, ein Cold Shoe. Das heisst, man kann da zwar alles, was in einen Zubehörschuh hineinpasst, einschieben und arretieren, aber es gibt keine elektronischen Kontakte. Ein Blitz kann man da nicht einschieben, oder wenn man den einschiebt, macht der einfach nichts. Und das wird die Gen Z besonders vermissen, weil die Gen Z – das hab ich gelesen, ich gehör nicht mehr zu der Generation – diesespezielle Ästhetik vermisst, wenn man ins Gesicht geblitzt wird. Das ist einfach jetzt nicht da. Es gibt eine LED, eine sehr helle LED vorne am Body der X-Half, die zur Aufhellung von Objekten in der Nähe dient. Von der Ästhetik her ist sie aber überhaupt kein Ersatz für einen echten Blitz.

Das Objektiv ist fest verbaut und nicht wechselbar. Es hat auf Vollformat umgerechnet 28 Millimeter Äquivalent und eine maximale Blende von 2,8. Die Blende stellt man tatsächlich an einem mechanischen, haptisch sehr befriedigenden Blendenring ein. Das ist schön, das ist gut, das ist super. Für mich persönlich sind 28 Millimeter im Normalfall ein kleines bisschen weit, aber reinzoomen kann ich immer. Ich kann immer croppen am Compi, wo auch immer. Was ich nicht kann, ist weiter zurückgehen, wenn ich ’ne Hauswand im Rücken hab – bei Street Photography zum Beispiel. Also lieber zu weit als zu eng. Ich kann rein croppen, aber nicht raus croppen. Es gibt oben rechts ein, wie bei Fuji üblich, Exposure Compensation Dial und mittig dazu angeordnet den Auslöser.

Es gibt ausserdem – und jetzt wird es langsam ein bisschen schräg – einen Filmtransporthebel. Was mache ich mit einem Filmtransporthebel, wenn ich eine Digitalkamera habe? Zum einen kann ich sogenannte Diptychs aufnehmen, also Bilder, die aus 2 vertikalen Bestandteilen bestehen, so wie man das aus Altaren und aus Museen von Bildern kennt, die man im frühen und mittleren Mittelalter aufgenommen hat. Bei der Fujifilm ist es so, dass man zuerst die rechte Aufnahme macht, dann mit dem Filmtransporthebel – und der Filmtransporthebel ist wirklich das, was man an keiner anderen modernen Digitalkamera findet – einleitet, dass es einDiptych werden soll, und anschliessend das linke Bild aufgenommen wird. Es macht Sinn, wenn man historisch schaut: Wenn man sich vorstellt, dass ein analoger Film unter dem Objektiv entlanggeführt wird, dann wird auch zunächst rechts aufgenommen und erst nach dem Spannen beziehungsweise Transportieren des Films das linke Teilbild aufgenommen. Wenn einem das schräg vorkommt und man sich nicht daran gewöhnen kann, so wie ich, dann kann man das in der Software ohne Probleme umstellen. Das ist so ziemlich das Erste, was ich gemacht hab. Den Filmtransporthebel brauche ich nicht nur, um ein Diptych einzuleiten, sondern auch für vielleicht die schrägste Funktion der X-Half überhaupt, zu der kommen wir gleich. Bei den Diptychs hab ich etwas bemerkt, was ich schon oft bemerkt hab, wenn ich neue Hardware hatte: Das Auge gewöhnt sich dran, überall Diptychs zu sehen, überall Motive, die sich dazu eignen, Dinge, die irgendwie miteinander zu tun haben, einander
gegenüberzustellen und auch im gleichen Bild darzustellen. Ich bin geradezu auf der Suche nach Diptychs und finde relativ viele. Allein dafür hat sich die Kamera fast gelohnt. Es schult das Auge, man sieht Dinge, die man vorher nicht gesehen hat. Wirklich tolle Sache.

Auf der Rückseite hat es 2 Displays. Eines ist hochkant und zeigt den gerade auf dem Sensor wahrgenommenen Ausschnitt. Wer Augen hat, die besser sind als meine und noch Details erkennen kann, die in relativ kurzer Distanz sind, kann hier sehen, was man normalerweise in einem elektronischen Sucher sehen könnte – nämlich den nächsten Bildausschnitt und die Bildeinstellungen, die dazu g wählt wurden. Daneben gibt es ein sehr schmales Hochkant-Display, genauso hoch wie das andere, aber viel schmaler. Das erinnert optisch an das, was früher Analogkameras hatten: ein Fenster auf die Filmkapsel, durch das man sah, welchen Film man eingelegt hatte. Das hat Fujifilm optimal umgesetzt. Man sieht hier, welche Filmsimulation aktiv ist und kann, weil es ein Touchscreen ist, auch zwischen verschiedenen Filmsimulationen swipen. Das ist wunderbar. Ich kann mir das auch gut an folgenden Versionen vorstellen, zum Beispiel der X-Pro. Dieses schmale Display dient auch zur Menünavigation. Aus der Kombination von dem grossen – in Anführungszeichen, ist immer noch sehr klein – vertikalen Display, da normalerweise den Bildausschnitt zeigt, und dem sehr kleinen, das normalerweise die Filmsimulation anzeigt, kann ich wunderbar per Touch in den Menüs navigieren. Das gefällt mir wirklich gut und es sieht gut aus.

Was besonders interessant ist und was ich noch nicht probiert hab, ist der sogenannte Filmmodus. Was man bisher schon gesehen hat in dem, was ich beschrieben hab, ist, dass die Fujifilm X-Half versucht, möglichst nah an dem Erlebnis zu sein, analog zu fotografieren. Jetzt wird es auf die Spitze getrieben. Im Filmmodus sehe ich in dem Hauptdisplay gar nichts mehr, ausser der Anzahl der schon verschossenen Frames. Ich sehe weder den Ausschnitt noch wie sich das Ganze im JPEG auswirken würde. Ich kann in diesem Modus nicht die Filmsimulation ändern, nicht in den Playmode schalten, ich kann gar nichts. Ich kann nur spannen für das nächste Bild, das nächste Bild aufnehmen, wieder spannen, aufnehmen, wieder spannen, aufnehmen, bis die maximale Anzahl von Aufnahmen erreicht ist – und erst dann kann ich die Fotos sehen. Eigentlich kann ich die Fotos erst sehen, wenn ich sie in die Fujifilm X-Half-spezifische App übertragen hab. Da werden die Fotos aus Negativstreifen animiert, Bild für Bild entwickelt. Das dauert Minuten, bis ich den kompletten Film entwickelt hab – komplett unnötig und komplett spassig und lustig.

Und erst dann sehe ich, was ich eigentlich fotografiert hab, genauso wie es früher war. Ich hatte einen Film eingelegt, hab 2 Wochen lang mit dem gleichen Film alles Mögliche fotografiert, das mir wichtig war, hab es dann zur Drogerie gebracht oder zum Fotohändler, und hab 2 Wochen später festgestellt, dass ich den Deckel überhaupt nicht abgenommen hab – oder ich hab festgestellt, dass ich absolut brillante und fantastische Fotos gemacht hab. Genauso ist es hier. Überraschung pur, super. Wie gesagt, ich hab es noch nicht probiert, aber ich werd es probieren.

Es gibt auch einen Trick, um an die Fotos ranzukommen, die man im Filmmodus aufgenommen hat: Kamera ausschalten, Speicherkarte rausnehmen, Speicherkarte extern auslesen. So komme ich an die Bilder ran, aber das ist gemogelt und wir mogeln ja nicht.

Die Fujifilm X-Half ist wie die meisten Fujifilm nicht gerade günstig. Sie war am Anfang mit fast 900 Franken für das, was sie bietet, eigentlich sehr teuer. Fujifilm selbst hat den Preis gesenkt, und damit sind die Preise für Occasionen – wie man in der Schweiz sagt, also für gebrauchte X-Half – deutlich gesunken. Man kann sie heute in sehr gutem Zustand zwischen 350 und 390 Franken kaufen, und für das Geld, verglichen mit dem Spass, den sie einem bietet, ist das ein guter Deal.

Zuschlagen, wenn man Spass am Fotografieren hat. Man lernt sehr viel über Fotografie, man lernt sehr viel über das eigene Auge, man lernt sehr viel über alles Mögliche – auch wenn die Bilder nicht die allerbeste Qualität haben. Spass steht an erster Stelle. So, und jetzt los auf eBay, Ricardo, Tutti, wo auch immer, und besorgt euch eine gebrauchte Fujifilm X-Half.

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